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Gesundheitsmanagement

Gesundheitsmanagement
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Der Stress in der Arbeitswelt nimmt zu. Wenn Beschäftigte aus dem Hamsterrad fallen und den Betrieb lahm legen, drohen der Wirtschaft Kosten in Milliardenhöhe. Klug ist, wer mit einem Betrieblichen Gesundheitsmanagement rechtzeitig vorbeugt.

 


In der Krise hatte das Wohlergehen der Beschäftigten keine Lobby. Nach Angaben des Bundesverbandes der Allgemeinen Ortskrankenkassen (AOK) wurden laufende Projekte im Betrieblichen Gesundheitsmanagement abgebrochen oder auf ein qualitativ niedriges Niveau heruntergefahren. Dennoch stemmen sich viel Unternehmen gegen diesen Trend. Sie wissen: Jeder investierte Euro zahlt sich langfristig aus.

Jeder Euro lohnt sich

Im Traum käme auch Ralf Franke, "Corporate Medical Director" von Siemens, nicht auf die Idee, Gesundheitsangebote krisenbedingt einzuschränken. "Wenn Mitarbeiter 20 oder 30 Jahre für das Unternehmen arbeiten, kann es doch nicht sinnvoll sein, ein Konzept nachhaltiger Gesundheitsversorgung durch kurzfristige Massnahmen zu gefährden." Apropos Nachhaltigkeit: Von der visionären Gabe eines Werner von Siemens, der grosszügig in die Gesundheit seiner Beschäftigten investierte, könnten sich viele Firmen eine Scheibe abschneiden.

Wer jedoch glaubt, Siemens lässt es beim altbackenen "Betriebssport" bewenden, irrt gewaltig. Im Unterschied zum klassischen Betriebssport, der sich als Sozialleistung für den Kostenfaktor Mitarbeiter definiert und auf Freizeitaktivitäten beschränkt ist, fördert das Betriebliche Gesundheitsmanagement ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Arbeit und Freizeit, verbessert die Gesundheit und trägt somit zum Erhalt der Leistungsfähigkeit und Beschäftigungsfähigkeit der Mitarbeiter bei - so heisst es zumindest beim Münchner Elektronikkonzern.

Gesundheitsmanagement: Mehr als Betriebssport

Dass dieser weit über den Betriebssport hinausreichende Ansatz den Unternehmen tatsächlich nützt, belegt eine AOK-Umfrage unter 212 Betrieben. Wer in solche modernen Konzepte investiert, erfreut sich demnach nicht nur gesunder, zufriedener Mitarbeiter. Sie reduzieren den Krankenstand, erhöhen die Produktivität und verbessern somit ihre Wettbewerbsfähigkeit. Vom verschnarchten Betriebssport zum Betrieblichen Gesundheitsmanagement mit nachhaltigem Anspruch: Was in Amerika und Asien längst an der Tagesordnung ist, sollte auch hier zu Lande keinem Streichkonzert zum Opfer fallen.

Je mehr Einsatz den Beschäftigten durch Globalisierung, fortschreitende EDV, stärkere Kundenorientierung und flexibilisierte Beschäftigungsverhältnisse abverlangt wird, desto wichtiger wird, sie möglichst lange leistungsfähig ans Unternehmen zu binden. Wenn also Arbeitsverdichtung, und darum geht es hier, ein unumkehrbares Faktum ist, dann muss das Räderwerk betrieblicher Leistungsfähigkeit noch reibungsloser ineinander greifen.

Verantwortungsbereiche abstecken

Doch wie muss das Betriebliche Gesundheitsmanagement eingeordnet werden in die Organisation, wer ist wofür verantwortlich? Meist ist Betriebliches Gesundheitsmanagement Aufgabe des Betriebsarztes. Beim medizinischen Sachverstand sind Gesundheitsprogramme am besten aufgehoben, heisst es.

Bei genauerer Betrachtung ergibt sich eine andere Konstellation. Längst haben Mediziner nicht allein das Sagen, bisweilen sitzt ihnen sogar ein Personaler vor der Nase wie etwa im MAN-Werk Salzgitter. Dem "Steuerungskreis Betriebliches Gesundheitsmanagement", der im Top-Management angesiedelt ist und vom Personalchef geführt wird, muss sich der leitende Betriebsarzt, Uwe Rohrbeck, wohl oder übel unterordnen.

Nicht übertreiben!

Heute orientiert sich der Gesundheitsmanager am "Business Case", es geht um Produktivität. Jeder investierte Euro, das belegen Studien, zahlt sich mehrfach aus. Sich der Gesundheit von Mitarbeitern zu widmen, bedeutet also weit mehr als heute ein Rücken-Fit-Training und morgen einen Diätkurs anzubieten.

Manche Firmen übertreiben es jedoch mit solchen Wellness-Häppchen. Man könnte meinen, sie wollten ihr eigenes Bad Kissingen errichten. "Das Unternehmen kann keine Rundum-Versorgung übernehmen und externe Angebote vollständig ersetzen", warnt Siemens-Gesundheitsmanager Franke. Mitarbeiter hätten natürlich auch eine eigene Verantwortung für ihre Gesundheit.

Psychische Störungen nehmen zu

Die betrieblichen Experten müssen genau hinschauen, welchen verhaltensbedingten Ursachen sie zu Leibe rücken müssen und welchen verhältnisbedingten Ursachen sie ambitioniert begegnen können. Ein Phänomen der modernen Arbeitswelt ist der Stress. Doch mit Stress, egal welcher Herkunft und Ausprägung, geht jeder Mensch anders um. "Glaubt der eine jedes Mal, wenn er eine Schraube anzieht, eine wichtige Entscheidung zu treffen", erläutert MAN-Betriebsarzt Rohrbeck, "ist ein anderer erst zufrieden, wenn ihm der Chef fünf Telefone auf den Schreibtisch stellt."

Kein Wunder, dass psychische Störungen weiter zunehmen. Während die körperlichen Belastungen in den Hintergrund rücken, achten Betriebsärzte, Gesundheitsmanager und Personaler immer mehr darauf, ihre Beschäftigten vor dem Burnout zu bewahren. Körperliche und psychische Störungen, die laut Rohrbeck meist privat und weniger beruflich bedingt sind und aus Beziehungskonflikten, Sorgen um Kinder oder finanziellen Problemen resultieren, werden bei MAN mit einem objektiven Bewertungsschema beurteilt. "Wir prüfen, wie es um Arbeitsorganisation, Arbeitsbedingungen, sowie um die Aufgaben und das soziale Umfeld von Mitarbeitern bestellt ist - kurz, ob sich der Einzelne an seinem Arbeitsplatz überhaupt wohlfühlen kann."

Gesunkene Unfallzahlen, geringerer Krankenstand

In seinem Konzept setzt MAN nicht allein auf ergonomische Marksteine, wobei gesunkene Unfallzahlen und geringerer Krankenstand eine klare Sprache sprechen. Statt Mitarbeitern lediglich Tabletten zu verabreichen, verfolgen die Verantwortlichen um Betriebsarzt Rohrbeck strategische Ziele und verkoppeln Gesundheitsfragen mit Prävention, Krisenintervention und wertvollen Beiträgen des Personalmanagements.

Damit der LKW-Konzern nicht geradewegs in die demografische Katastrophe hineinschlittert, weil in zehn Jahren jeder zweite Mitarbeiter über 50 ist, arbeiten Gesundheitsmanager und Personaler Hand in Hand. Neben ärztlicher Vorsorge und Gesundheitsprogrammen wurden alle Arbeitsplätze darauf untersucht, ob sie den Bedürfnissen einer älter werdenden Belegschaft überhaupt noch gerecht werden. Auch wie Arbeit organisiert ist, gehört aufs Tapet. Jobrotation etwa hilft, einseitige Belastung abzufedern und Tätigkeiten mit neuen Inhalten anzureichern. Das alles fruchtet indes kaum, wenn ältere Beschäftigte von Weiterbildung ausgeschlossen werden, weil Altwerden in der Wertschätzung so niedrig ausfällt.

Teuer? Nicht unbedingt!


Ist das nicht alles unglaublich teuer? Nein, meint Rohrbeck. Gesundheitsmanagement müsse nicht unbedingt hohe Summen verschlingen. Schon durch einfache Prozessverbesserungen, für die man mit der Zeit "blind" geworden sei, werde viel erreicht. "Zum Beispiel, wenn schwere Sachen nicht mehr vom Boden aufgehoben, sondern zunächst auf einen Sockel gestellt werden."


(Winfried Gertz, Dezember 2010 / Bild: Orlando Florin Rosu, Fotolia.com)

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